Main Hauptbahnhof - UniScripta Verlag, edition ullrich

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Main Hauptbahnhof

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Inhalt

Frankfurt Hauptbahnhof – Ort ungewöhnlicher Begegnungen. Reisende treffen aufeinander, Lebenswege kreuzen und Schicksale erfüllen sich. Geschichten voller Spannung – dramatisch, rätselhaft, komisch und manchmal auch grotesk über Menschen, für die der Hauptbahnhof Durchgangs- und Endstation wird: ein ehrbarer Bür-ger, der im Zug seiner Vergangenheit begegnet, ein Junge, der sich in den Bahnhofskatakomben versteckt, naive Erpresser, die einen Zug entführen, eine Frau, die sich verfolgt fühlt, eine junge Russin, die auf geheimnisvolle Weise verschwindet …
Zum Jubiläum des Hauptbahnhofs der Mainmetropole haben sich die Autoren und Autorinnen des UniScripta Verlages etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Zehn Kurzkrimis rund um den Bahnhof, vereint im Sammelband MAIN HAUPTBAHNHOF.


Zur Einstimmung:
MAIN Hauptbahnhof (Gerhard Schrick)

ICE 884………..……………………………………...                                        
(Astrid Hennies)

Ausgetrickst ..…………………………………………
(Jule Schwachhöfer)

Der Feinschmecker …………………………….….…
(Peter Luyendyk)

Vorsicht an der Bahnsteigkante ………………………
(Chris Böhm)

Endstation Rom ………………………………….
(Irmgard Schürgers)

Dichter und Banker …………………………………..
(Gerhard Schrick)

Gier …………………………………………………..
(Karin Rödder)

Syrinx und Pan ……………………………………….
(Monika Hoßfeld)

Frankfurt 21 ………………………………………….
(Wolfgang Ullrich)

Lügen ……………………………………………..….
(Erika Reichhardt)

Leseprobe

Karla hastete den Bahnsteig entlang, versuchte niemanden mit ihrem kleinen Rollkoffer zu verletzen und doch zügig zwischen den auf den Ausgang zudrängenden Reisenden voranzukommen. Die Umsteigezeit war recht knapp bemessen – sechs Minuten, um den Zug nach München zu erreichen. Wie jedes Mal, wenn sie sich aus ihrem kleinen Odenwaldort herauswagte und im Frankfurter Hauptbahnhof umsteigen musste, fühlte sie Panik. Der Lärm, die vielen Menschen, diese Kakophonie aus Stimmen, Dröhnen der einfahrenden Bahnen, Kreischen der Zugbremsen, Lautsprecherdurchsagen machten ihr Angst.
Der Zug nach Hamburg fährt auf Gleis 8 ein. Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante.
Frau Fülling aus Leipzig wird an Gleis 3 erwartet. Der ICE 635 nach Salzburg über München, Abfahrt 6.05 Uhr von Gleis 12, hat vermutlich 30 Minuten Verspätung.
Verdammt nochmal, war das nicht ihr Zug? Richtig
auf der Anzeigetafel vor Gleis 12 lief der gleiche Text. Sie ärgerte sich über die Bundesbahn, über ihre Angst, ihre Hast, den Zug pünktlich zu erreichen und die Leere von dreißig unausgefüllten Minuten in dieser riesigen Bahnhofshalle.
Karla schaute sich um – viele Schnellimbisskioske, die sich mit englischen Namen herausgeputzt hatten, um Kunden anzulocken. Von Weitem sah sie das riesige geschwungene M, die Reklame für einen McDonald’s. Nein, dieser permanente Geruch nach fettigen Pommes und dem Kaffee im Pappbecher
dazu hatte sie keine Lust. Schräg gegenüber dem Gleis war eine Art Einkaufszentrum, die Frankfurter Markthalle. Von ihren früheren Besuchen wusste sie, dass es dort die Möglichkeit für einen schnellen Cappuccino gab, frisch gebrüht in einer dieser italienischen Wundermaschinen und serviert mit viel Milchschaum in einer ordentlichen Porzellantasse und als Zugabe immer diese kleine Schokobohne, deren bittersüßen Geschmack sie liebte. Das war etwas, was sie in ihrer Jugend nicht gekannt hatte. So etwas hatte es drüben nicht gegeben. Kurz entschlossen zog sie ihren Rollkoffer hinter sich her, schlängelte sich durch die Bäckerei-, Gemüse-, Fisch- und Fleischstände, suchte die kleine Cafébar und setzte sich auf den Barhocker vor dem Espressostand.
Gerade, als sie
genüsslich ihren Cappuccino ausgetrunken hatte und den Geschmack der Schokobohne auf der Zunge zergehen ließ, sah sie ihn. Der Mann saß am anderen Ende der Rundtheke und aß ein Croissant. Sie erkannte ihn sofort, obwohl er älter geworden war und das Gesicht über einer Zeitung gesenkt hatte. Dieses Gesicht würde sie nie in ihrem Leben vergessen – eine Welle von Angst durchfuhr sie so plötzlich, dass ihr Körper sich unwillkürlich versteifte. Der Fluchtimpuls war so stark, dass sie den Fünfmarkschein auf die Theke legte, der jungen Frau, die ihr das Wechselgeld herausgeben wollte, abwinkte, ihren Rollkoffer griff und hinaus in die Halle hastete. Erst draußen kam sie wieder zu sich, merkte, wie sie mühsam nach Atem rang.
Siebenundzwanzig Jahre – er ist es, dieses Gesicht, dieser fleischige rote Mund, der in Widerspruch zu der hart aus seinem Gesicht herausragenden Adlernase steht, wie oft erscheint er in meinen Träumen –
jedes Mal erwache ich schweißbedeckt und mit Herzklopfen. Das karge Büro, der braune Linoleumboden, der dunkle Schreibtisch, die Lampe, die mich grell anstrahlt, das Licht, vor dem ich mich nicht verstecken kann und dahinter immer ER, manchmal gut sichtbar, manchmal nur als Schatten erkennbar.
Scharen von Reisenden hasteten an ihr vorbei, sie verlor die Distanz, die vielen Stimmen vereinigten sich zu einem einzigen, auf sie einhämmernden Chor, ihre Blicke unterschied sie nicht mehr, verschmolzen zu einem einzigen Blick aus einem riesigen stahlgrauen Auge, das sie anstarrte. Vielleicht habe ich mich ja doch getäuscht. Dreh dich um, schau noch einmal genau hin.
Mit einem gewaltsamen Ruck zwang sie ihren widerstrebenden Körper, sich um die eigene Achse zu drehen, blickte durch das große Fenster der Markthalle und sah ihn auf den Ausgang zukommen.
Ein großer, schwerer Mann, der mit herrischen Schritten schnurgerade durch das Menschengewühl ging. Wenn
ihn jemand behinderte, schubste er ihn fast beiläufig zur Seite, setzte seinen Weg fort, ohne sich zu entschuldigen.
Arrogant,
dachte sie, dieses Herrenmenschentum, das war schon damals kennzeichnend für ihn, der scharfe Befehlston, mit dem er jeden anbellte.
Erinnerung und die gegenwärtige Realität des Bahnhofs flossen in ihr zu einem diffusen Zeitgemisch zusammen. Das überkam sie manchmal, zusammen mit der Angst, sich selbst zu verlieren.
Kontrolle behalten, tief durchatmen....


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